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Ein seltsamer Fall

von G.O. v.d. Klashorst

Anamnese

Ein Cellist beklagte sich über jahrelange therapie-resistente Schmerzen im rechten Schulterbereich. Die üblichen Untersuchungen und Behandlungen mit Spritzen, Ruhe, Krankengymnastik, Wärme und sogar Neuunterricht eines bekannten Pädagogen brachten nur eine kurzzeitige Verbesserung. Seine Arbeit im Orchester litt unter diesen Umständen und die Verunsicherung über seine Laufbahn wuchs. Instrumentaltechnisch gab es Verspannungen und Perioden von Kontaktlosigkeit des Bogens.

Untersuchung

Bei meiner Untersuchung beobachtete ich u.a. eine Verdickung am rechten Schlüsselbein und palpierte diese Stelle, welche offensichtlich knochenartig fest war. Auf meine Frage, wie lange diese Verdickung schon da sei, schien er überrascht zu sein und sagte:
"Ich habe diese Verdickung noch nie gesehen."
Ich zeigte sie ihm im Spiegel worauf er reagierte:
"Oh, das! Als ich 12 Jahre alt war habe ich einen Fahrrad Unfall gehabt und mein rechtes Schlüsselbein gebrochen. Es ist im K.H. gesetzt worden, so daß beide Stücke wieder aneinander paßten. Später hat mir der Orthopäde gesagt, daß es nicht 100 % gelungen war und ich eine Verdickung an der Stelle hatte, wo die Knochen ein wenig nebeneinander standen. Es würde im laufe der Zeit von selbst verschwinden."

Was lehrt uns seine Reaktion:
Normalerweise reorganisiert der Körper post-traumatisch ungleiche Stellen von geänderten Konfigurationen und nach einiger Zeit (Monaten bis Jahren) kann man die alte ungleiche Knochenkonfiguration kaum noch feststellen.

In bestimmten Fällen (z.B. wenn die Knochenteile des Bruches zu weit entfernt reponiert werden) gelingt diese natürliche Re-Konfiguration des Knochens manchmal nicht, wie bei diesem Cellist.

Er hat sein Trauma vergessen und die Verdickung verdrängt. Wichtiger aber ist die Tatsache, daß die untersuchenden Ärzte es als unwichtig angesehen haben. Dadurch wurde die Behandlungsstrategie auf unvollkommener Beurteilung basiert.

In meiner weiteren Untersuchung stellte ich fest, daß zwar ein R.S.I. rund um die Schulter aktuell war, aber zugleich, daß der Cellist eine ad-zentrische Bogenführung zeigte mit stereotyp dominanter Oberarm Streichtechnik.

Der nächste Schritt war, die absolute Länge der beiden Schlüsselbeine zu messen, wobei es sich herausstellte, daß das rechte Schlüsselbein 2 cm kürzer war.

Besprechung

Dieser traumatische und ursprünglich schlecht reponierte und geheilte Schlüsselbeinbruch verursachte in dem weiteren Wachstum dieses jungen Cellisten eine Verkürzung und infolge eine pseudo– ad-zentrische Schulterhaltung, welche meiner Meinung nach die tiefe Ursache seiner grob-motorisch entwickelten Streichtechnik war. Sein allgemeiner Haltungsausdruck war aber nicht ad-zentrisch.

Beratungsbegründung

Bei diesem 28 Jahr alten Cellisten war mit Dispokinesis seine materielle Schlüsselbein-Verkürzung nicht aufzuheben. Es mußte zuerst entschieden werden, ob das Schlüsselbein chirurgisch zu verlängern war.

Mein Vorschlag war:
Operative Rekonstruktion (Verlängerung) des Schlüsselbeins; Durchsägen des Knochens laut Zeichnung und diese in die ursprüngliche Länge bringen


A) Ursprüngliche Situation

B) Die Knochenteile mittels nach außen schieben in die richtige Länge zu bringen und anschließend zu befestigen.

Mein Vorschlag wurde durch den Chirurgen angenommen.

Die weitere Strategie wurde vereinbart wie folgt:

  1. Nach Ruhestellung (2 Wochen) allgemeine postoperative Mobilisierung des Schultergürtels um die funktionell-anatomischen Änderungen während der Genesungsperiode des Schlüsselbeins zu begleiten.
  2. Keine Belastung des Schulter/Arm Bereiches während 6 Wochen;
  3. Dispokinesis um die Sensomotorik der rechten Schulter/Arm bewußt zu machen.
  4. Reedukation der Streichtechnik aus der Sicht der Dispokinesis.
  5. Stufenweise Rückkehr ins Orchester.

Direkt nach der Operation wurde mit Punkt 1 der Strategie angefangen und 14 Tagen später mit Punkt 3. Schon direkt nach der Operation war deutlich, daß sich eine wesentliche Änderung der Schulterhaltung in anatomischer und funktioneller Hinsicht durchgesetzt hatte. Das Gewöhnen an die neue Situation und das Verschwinden der Symptome des R.S.I. verliefen zwar positiv, brauchten aber mehr Zeit als erwartet.

Die Reedukation der Streichtechnik war ein langer Prozeß, verlief aber progressiv günstig. Nach 7 Monaten konnte er 50 % im Orchester spielen und ab dem 9. Monat nach seinem Besuch in unserem Institut, hatte er zu 100 % seinen Dienst im Orchester wieder aufgenommen. Jährliche Kontrolle bestätigten die endgültigen Verbesserung. Er ist jetzt (Februar 1997) 60 Jahre alt und spielt immer noch als stellvertretender Solocellist.

Was lehrt uns diese Geschichte?

Es gibt pseudo-adzentrische Haltungen, welche rein mechanisch verursacht werden.



G.O. VAN DE KLASHORST - Februar 1997 - Nachbearbeitung 13.02.08