Die speziellen Schwierigkeiten von jungen QuerflötistenInnen
- Armlänge und Fingerspreizung : Vorraussetzungen für den Beginn mit der Querflöte
Eine normale Querflöte hat eine Länge von ca. 67 cm. Die Klappen, die von der linken Hand bedient werden, haben einen Abstand von ca. 26 cm zwischen der Mitte des Mundlochs und der Klappe für den linken Zeigefinger. Der rechte Zeigefinger ist ca. 39 cm von der Mitte des Mundlochs – der Tonbildungsstelle – entfernt. Um eine korrekte Flötenhaltung sowohl der Arme als auch der Hände zu gewährleisten, ist eine Armlänge von ca. 55 cm vonnöten. Diese Armlänge ist bei einer Körpergröße von ca. 140 cm gegeben.
Der Abstand der Fingerklappen in der linken Hand von der C-Klappe bis zum Gis-Hebel beträgt 8 cm, der Abstand der mit der rechten Hand zu bedienenden Klappen von der F-Klappe bis zur C-Rolle 10 cm. Diese Spreizung sollten die Finger 2 bis 5 der Flötenspieler ohne Anstrengung bewältigen können.
Drittes Kriterium ist der Zahnwechsel. Der Wechsel der kompletten 8 Schneidezähne sollte vollzogen sein, da Artikulation und Ansatz ihre erste und damit entscheidende sensomotorische Prägung mit den bleibenden Zähnen erfahren sollten. Außerdem sind die Milchzähne schwächer im Kiefer verankert, was zu instabilem Halt im Ansatzbereich und damit zu kompensatorischen Spannungen führen kann.
- Auftretende Probleme durch zu frühen Beginn
Die links gewandte Haltung der Flöte ist schon bei Erwachsenen eine ständige Gefahrenquelle bezüglich Fehlhaltungen vor allem im Hals- und Lendenwirbelbereich. Diese Gefahren sind für Kinder umso stärker, da sie nicht nur kleiner, sondern auch muskulär schwächer sind. Allein das Gewicht der Flöte mit ca. 400g bedeutet für ein Kind auf die Dauer ein großes zu tragendes Gewicht. Folglich kann man bei vielen Kindern ein Sway back oder auch eine Hyperlordosis im LWS- Bereich feststellen, da manche Kinder dieses für sie schwere Gewicht so versuchen auszugleichen. Sind nun die Arme noch eine Spur zu kurz, so werden die Arme überstreckt, der Kopf wird nach links zum Mundloch verschoben, so dass wir folgende Fehlhaltungen haben können:
a) seitlich verschobene Halswirbelsäule,
b) Rundrücken im Schultergürtel durch die Überstreckung der Arme hervorgerufen,
c) schräg gehaltene Hände und
d) wie oben beschrieben Hyperlordosis im LWS - Bereich.
Diese Fehlhaltungen können zu Haltungsschäden an der Wirbelsäule führen:
1 Fixieren der Fehlhaltung
2 beeinträchtigstes, ungleiches Wachstum der Wirbelkörper
3 Verkürzungen und Verspannungen einzelner Muskeln und Bänder
4 Fehlbelastung und damit ungleichmäßige Ausbildung der Disci. Das heißt auch: Bereits im frühen Alter können neben einer frühzeitigen Gelenks-Abnutzung auch schmerzhafte Nervenreizungen auftreten.
- mangelnde Sicherheit bezüglich des Tragens des Instrumentes
Viele junge Schüler sind unsicher beim Tragen des Instruments. Sie haben Angst, dass die Flöte herunterfallen könnte. Diese Angst führt dazu, dass manche Kinder den Flötenkopf auf der linken Schulter ablegen. Die linke Schulter wird dabei hoch gezogen. Oft werden auch beide Schultern hochgezogen. Die daraus resultierenden Verspannungen und Schmerzen im Schulter- und Nackenbereich können bis in den Kopf und die tiefer liegenden Teile des Rückens ausstrahlen. Diese Fehlhaltung beeinträchtigt jedoch durch die Verkrampfungen im Hals- und Schulterbereich auch die Tonbildung und Artikulationsfähigkeit durch muskuläre Verspannungen der am os Hyoideum ansetzen Muskeln. Die Zunge kann nicht mehr frei artikulieren, der Durchlass für den Atem im Resonanzraum wird verengt. Die Folgen für die Tonbildung sind hörbar. Aber auch die Atmung insgesamt wird durch diese Fehlhaltung eingeschränkt, da zwischen dem Zwerchfell und dem Kehlkopf eine enge funktionelle Wechselbeziehung besteht.
- Atemzugvolumen und Atemfrequenz
Kinder haben jedoch auch gegenüber Erwachsenen ein deutlich geringeres Atemzugvolumen.
Erwachsene haben ein Atemzugvolumen von 500 – 1000 ml bei einer Atemfrequenz von ca. 16 - 20 Atemzügen pro Minute, während Schulkinder ab einem Alter von ca. 8 Jahren ein Atemzugvolumen von 200 – 400 ml bei einer Atemfrequenz von 20 - 25 Atemzügen pro Minute haben.
Kleinere Kinder : Atemzugvolumen 100 – 150 ml / Atemfrequenz ca. 25 – 30 Atemzüge pro Minute.
Wird dieser erhöhten Atemfrequenz beim Flöten Rechnung getragen durch Zubilligung genügender Atemstellen und Achtsamkeit bezüglich einer die Atmung unterstützenden Haltung, so kann man durchaus ab einer Körpergröße von ca. 140 cm (wie wir oben gesehen haben) mit dem Flöten beginnen. Andernfalls besteht die Gefahr, dass sich die Alveolen durch die Überbeanspruchung überblähen. Die Folge wäre u.a. eine vorzeitige Emphysembildung mit den gesundheitlichen Folgen der Atemnot und eingeschränkter Atembreite.
- Lösungsansätze : spezielle Kinderflöten
Aus der oben aufgeführten Problematik heraus und dem Wunsch, auch jüngeren Kindern das Spiel auf der Querflöte zu ermöglichen, sind verschiedene sog. Kinderflöten entwickelt worden. Dem kleineren Körperbau wird hierbei durch verringertes Gewicht und kürzere Abmessungen Rechnung getragen.
- Die Fife (Yamaha) ist eine zweiteilige aus Kunstharz gefertigte Flöte in der Größe einer Sopranblockflöte, einem geringen Gewicht von nur 70 g und einer dem Reformaufsatz nachempfundenen Erhöhung am Mundloch. Die Griffweise entspricht der der Böhmflöte. Sie lässt sich aber nur in C-Dur akzeptabel spielen.
- Die Flautino traverso ist eine hölzerne der Traverso nachempfundene und in F gestimmte Querflöte. Mit ihr kann man ein Großteil der Altblockflötenliteratur spielen. Die Löcher sind aber so gestaltet, dass erst ca. 8 – jährige Kinder sie spielen können, außerdem ist sie im Zusammenspiel mit Klavier etwas problematisch und erfordert ein Umlernen der Griffweise beim Übergang zur Böhmflöte.
- Die Picco von Mollenhauer ist eine auf der Basis der Sopranblockflöte (auch Griffweise!) gebaute Holzflöte ohne Daumenloch. Die Grifflöcher sind auf kleinere Spieler abgestimmt. Die Picco ermöglicht ein sauber intoniertes Spiel innerhalb von zwei Oktaven. Die relativ schwere Ansprache macht jedoch gerade den Anfang beim Flöte lernen schwierig und der geringe Tonumfang lässt nur eine beschränkte Literatur zu.
- Die Es – Querflöte der Firma Max Hieber übernimmt die Tonlochbohrung des Böhmsystems und bietet somit eine gute Intonation und Tonqualität bei kindgerechtem Maß und Gewicht. Die Schüler spielen bei einem Tonumfang von d’ bis a’’’ mit den gleichen Griffen wie bei der großen Flöte, wodurch der Wechsel zur großen Flöte ohne Schwierigkeiten von statten gehen kann. Nachteilig ist die Stimmung in Es und der relativ hohe Anschaffungspreis. Übrigens sind in den USA Anfängerflöten in Es recht häufig anzutreffen, während sie in Deutschland eher ein Nischendasein fristen.
Am gebräuchlichsten ist die Kinderflöte von Jupiter oder die Yamahaflöte mit gebogenem Kopfstück. Durch das gebogene Kopfstück ist der Abstand vom Mund zu den Klappen um 15 cm kleiner. Kopf, Arme und Finger können in normale Position gebracht werden und die Gefahr der Ansatzverschiebung nach links ist geringer. Der Abstand der Klappen bleibt jedoch identisch, es ist also die gleiche Spannbreite der Fingerspreizung wie bei der normalen Flöte nötig (siehe Abschnitt 1) und durch den Bogen im Kopfstück hat man einen zusätzlichen Widerstand des Luftstroms, der sogar schon der physikalischen Gesetzmäßigkeiten wegen einen etwas höheren Luftverbrauch fordert. Die Problematik hierbei habe ich im Abschnitt 4 behandelt. Ferner wird der Kopf meist horizontal eingestellt (bei vertikal nach oben eingestelltem Mundstück wird die Flöte labil im Gleichgewicht) und damit das Verhältnis zwischen Ansatz und Arm- bzw. Fingerhaltung gegenüber der großen Flöte verändert. Das wirkt sich natürlich nachteilig auf das sensomotorische Empfinden beim Übergang auf die große Flöte aus. Jede dieser Kinderflöten ist somit ein Kompromiss, der zwar Vorteile aber auch gewisse Nachteile hat.
- Lösungsansätze aus dispokinetischen Sicht
Aus dispokinetischen Sicht kann ich eigentlich nur empfehlen, mit dem Flöte - lernen zu warten, bis die oben genannten körperlichen Voraussetzungen erbracht sind.
Von vornherein sollte dem Kind durch eigenes, spielerisches Erspüren ein Gefühl für die richtige Haltung, Atmung und ein stabiles Tragegefühl vermittelt werden. Da Kinder in der Regel noch nicht, wie es in den Urgestalten vermittelt wird, ein sich aus der Selbstreflexion entwickelndes Körperbewusstsein haben, muss man ihnen die richtigen Werkzeuge durch klare Anweisungen an die Hand geben. Sie spüren sehr wohl, wie es sich „richtig und leicht“ anfühlt und suchen dann – natürlich mit Begleitung des Lehrers – um dieses Gefühl der Leichtigkeit wieder zu finden und in ihr Spiel zu integrieren.
Literatur :
G.O. van de Klashorst: The disposition of the musician
G.O. van de Klashorst : Atmung und Disposition bei Sängern und Bläsern
Rohen – Lütgjen – Drecoll : Funktionelle Anatomie des Menschen
Pschyrembel : Klinisches Wörterbuch
Bartels : Physiologie
W. Richter : Bewusste Flötentechnik
H. Wurz : Querflötenkunde
H. Wurz : Nachlese zur „Querflötenkunde“ (flöte aktuell 1/1993)
C. Haarmann : Kleine Querflöten für die Jüngsten (flöte aktuell 2 & 3/1995)
S. Krause – Rabe: Kinder flöten quer!?! (flöte aktuell 3/1998)
S. Krause – Rabe: Weltneuheit: Die Böhmflöte für Kinder (flöte aktuell 1/1997)
S. Günther: Eine neue Kinderflöte (flöte aktuell 3/1996)
S. Stegmüller: Früher Querflötenunterricht mit kleinen Flöten (flöte aktuell 1/1993)
E. Svoboda: Hochwertigkeit zahlt sich aus: Die Kinderflöte von Christian Jäger im Langzeittest (flöte aktuell 4/1998)