Banner

So kann man es auch sagen!

Was ist Dispokinesis?
Eine einfache Erklärung über ein wichtiges Thema

durch Ulrike Eisel, Dispokineterin

Wörtlich übersetzt heißt es zunächst: "verfügen über Bewegung". Kurz und knapp könnte man es als ein Haltungs- und Bewegungsfach für Musiker beschreiben, das von G.O. van de Klashorst entwickelt wurde. Das reicht Ihnen nicht, sagen Sie? Gut, dann wollen wir den Dingen einmal weiter auf den Grund gehen.

Was braucht ein Musiker zum Musizieren?

"Ein Instrument" werden Sie antworten. Das stimmt zunächst einmal, wenn wir die Sänger außen vor lassen. In der Tat dreht sich für viele Musiker alles um ihr Instrument: Es ist handverlesen, handgebaut, persönlich ausgesucht, auf den Leib geschneidert. Der beste Bogen muss es sein, die optimale Besaitung. Sind die Klappen leichtgängig und dicht, wie ist Saitenlage, lässt sich das Instrument gut stimmen oder sollte ich doch die teure Präzisionsmechanik aus den USA kaufen? Auf die Lackierung aufpassen, keinen Kratzer machen, das Instrument sicher aufbewahren und behutsam  behandeln.... Aber machen wir uns doch einmal bewusst, womit ein Musiker überhaupt sein geliebtes, teures, gepflegtes und gehegtes Instrument bespielt, um seinen Emotionen und musikalischen Vorstellung Ausdruck zu verleihen.

Mit seinem Körper!

"Ja, dass wir daran nicht zuerst gedacht haben" werden Sie ausrufen. Trösten Sie sich, Sie befinden sich in bester Gesellschaft, denn vielen Musikern geht es nicht anders als Ihnen. Sie sind sich ihres ureigenen Instrumentes (Def. Instrument: lat. "Ausrüstung", "Gerät", "feines (!) Werkzeug"), dem Körper, oft gar nicht bewusst oder wissen ihn nicht so gut einzurichten, wie ihr Musik-Instrument. Oft werden Schmerzen unter-drückt, ignoriert, bis es irgendwann nicht mehr weitergeht. Dann kann das geliebte Instrument bisweilen zum Feind werden.

Der Bogen ist überspannt.....

In der Dispokinesis geht es u.a. darum Spannung dort zu haben, wo sie hingehört; Stabilität auf der einen und Loslassen auf der anderen Seite. Viele Musiker haben z.B. zuwenig Spannung im Unterkörper und zu viel im Oberkörper. Die Bewegungen durch die Haltung frei zu machen, um sich ungehemmt auf dem oder über das Instrument ausdrücken zu können, ist der Grundgedanke der Dispokinesis.

Aber  wie geht das?

Wenn man ein Haus baut, wo mit fängt man an? Mit dem Dach, den Fenstern, Balkons, verspielten Stuckdecken? "Unsinn!" werden Sie ausrufen. "Man fängt doch mit dem Keller an, mit dem Fundament!"

Genau dort fängt die Dispokinesis auch an; beim Fundament, oder noch besser gesagt bei der Grundsteinlegung - mit dem Bodenkontakt.

Durch Bodenkontakt mit dem Vorderfuß (Gewichtsverlagerung auf die vorderen 2/3 des Fußes) wird die Aufrichtung des Körpers "Stein für Stein" reflexmäßig in Gang gesetzt:

Beine und Becken werden in Position gebracht, die Stellung des Beckens wiederum bestimmt die Ausgangsstellung der Wirbelsäule in ihren verschiedenen "Etagen" wie Lenden-, Brust- und Nackenregion, die ihrerseits die Haltung des Kopfes bestimmt.

Damit nun dieses "Gebäude" aufrecht und mit so wenig Aufwand wie möglich der Schwerkraft widerstehen kann, müssen wir noch für eine gute "Statik" sorgen.

Hier bedient sich die Dispokinesis des "TLA-EFFEKT". Nein - es handelt sich hierbei nicht um ein neues Computerunterstützes Architekturprogramm, sondern um das PRS:

"Posturale Reflex System = Aufrichtung " mit dem → „TLA-Effekt“. s. hierunter

Ein kleiner Abstecher in die Anatomie sei mir hier gestattet, um Ihnen diesen Punkt zu veranschaulichen:
Das TLA-Effekt ist benannt nach der Funktion der kleinen pyramidenförmigen Muskel

Pyramidalis, (dem fühlbaren und übbaren Element, der mit seiner Grundfläche am Schambein entspringt und mit seiner Spitze in der "Linea Alba", einem Sehnenband, das mit dem Brustbein verbunden ist, endet. Er kann also die Linea Alba spannen und aktiviert damit auch die Bauchmuskeln und kleinen Streckmuskeln der Wirbel-Säule. Im Zusammenwirken mit der Spannung der Beckenboden-Muskulatur sprechen wir von:

„Unterbauchspannung".

Durch Bodenkontakt, TLA-Effekt (die Unterbauchspannung) entsteht ein Spannungs-bogen mit einem Gleichgewicht der Kräfte, die den Rumpf aufrichten. So wird durch die Haltung die Bewegung freigemacht und Arme und Finger, auch die Stimme sind frei, ungehemmt zu musizieren und auszudrücken. Kernstück der Dispokinesis sind von G.O.v.d.Klashorst entwickelten Übungen, die sog:

"Urgestalten von Haltung und Bewegung".

(Hier haben wir unser "Architekturstudium".)
Es sind die "Grundhaltungen und -Bewegungen, die den Aufrichtungsprozess der frühen Kindheit rekapitulieren als Ausgangsposition für differenziertere Haltungsmuster und Bewegungen zum Ausdruck von Emotionen und Handlungen." (s.: Einleitung in die Dispokinetotherapie u. -paedie, G.O.v.d.K. 1977/`92) Durch diese Übungen und die damit verbundenen Reize und Gefühle wird ein Änderungsprozess in Gang gebracht, der dem Musiker ein bewusstes Einfühlen und Wahrnehmen seines Körpers ermöglicht. Wir sprechen hier von der Sensomotorik.

Sensomotorik

Versuchen Sie sich einmal vorzustellen, Sie wären in ihrem neuen Haus unterwegs. Sagen wir, sie begeben sich gerade über die Kellertreppe in den Keller und plötzlich geht das Licht aus. - Was passiert? Um nicht zu stürzen, setzen Sie ihre Füße sehr bewusst Stufe um Stufe weiter nach unten. Sie sind ganz in ihren Füßen; wo ist die nächste Stufe, wann kommt die letzte Stufe, wo beginnt der Boden? Ihre Fingerspitzen tasten sich an der Wand entlang; Sie spüren die rauhe Oberfläche der einzelnen Steine, die Fugen zwischen den Steinen. Wo hört diese Wand auf, gleich muss es doch um die Ecke gehen? Da war doch noch eine Taschenlampe in dem Regal gleich am Ende der Treppe usw.  ... Ihr Bewusstsein hat sich plötzlich verändert, vertieft, besonders in der Peripherie (Hände, Arme, Füße), so dass Sie angemessen auf diese Umstände reagieren können.

Ein Musiker, der sich intensiv mit der Dispokinesis beschäftigt, kommt zu einer Haltung, die ihm die Freiheit zur fein-motorischen Bewegung und damit auch zum uneingeschränkten Ausdruck seiner Emotionen und musikalischen Vorstellungen ermöglicht. Er lernt, Fehlhaltungen und Fehlbewegungen zu spüren, angemessen darauf zu reagieren und sie mehr und mehr verblassen zu lassen. Er lernt, Körper und Geist so zusammenarbeiten zu lassen, dass sie einander verstärken.

Dazu muss er nicht das Licht ausmachen; ganz im Gegenteil, er ist dazu auch im hellsten Rampenlicht  in der Lage. Er ist einfach disponiert *.

 

* von DISPONERE = lat.: und bedeutet: in einer bestimmten Verfassung, besonders für einen künstlerischen Vortrag



Literaturangabe::
"Über Dispokinesis" G.O.v.d.Klashorst - Diffelen 5/04.2007
"Einleitung in die Dispokinesiotherapie u. - Pädie" G.O.v.d.Klashorst - Wageningen 1977/´92
"The Disposition of the Musician" G.O.v.d.Klashorst - Frejus - 90-71939-14-6
"Fremdwörterbuch" Duden